Letzte Feuerprobe vor Liverpool
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Beim Song Contest auftreten heißt: Schlange stehen – und in drei Minuten eine Topperformance liefern. Das Duo Teya & Salena hat nach dem „Farewell ESC“-Abschied in Wien, live in Ö3 und ORF Topos, jedenfalls schon eine Feuerprobe hinter sich. „Beim Song Contest gelten ganz eigene Spielregeln, die auch schon arrivierte Künstler aus der Bahn geworfen haben“, verrät Österreichs Delegationsleiter Stefan Zechner.Gerald Heidegger
„Who the hell is Edgar“, fragt Österreich heuer beim Song Contest. Und siehe da: Die Uptempo-Nummer von Teya & Salena ist bei den Quoten nicht nur fix aufs Finale gesetzt. Auch im Finale könnte es diesmal für Österreich gut laufen, selbst wenn die Quoten wieder einmal sagen: Der Eurovision Song Contest ist ein Wettbewerb mit Dutzenden Nationen – und am Ende gewinnt immer Schweden. Beim Farewell, das ORF Topos gemeinsam mit Ö3 live überträgt, steht nicht zuletzt die Frage im Raum: Wie bereitet man sich ideal für den Song Contest vor?
Stefan Zechner, der Leiter der österreichischen Delegation, zugleich Sendeverantwortlicher von Formaten wie „Dancing Stars“, gilt als gelassener, ruhiger Mensch. „Ein Song Contest ist aber jedes Mal eine neue Herausforderung“, verrät er im Vorfeld.
Drei Minuten „liefern“
2011 war Zechner das erste Mal mit dem Auftritt Österreichs beim Song Contest betraut, und seitdem weiß er: „Auch erfahrene Künstler müssen lernen, sich auf einen Song Contest einzustellen. Es ist ein Wettbewerb, und das ist anders, als ein Konzert zu spielen. Man stellt sich an, um dranzukommen. Zuerst kommt der In-Ear-Check, dann wieder Make-up – und dann heißt es mit anderen Nationen in der Schlage stehen, bis man dran ist.“ Danach lautet das Motto: Liefern und in drei Minuten eine Höchstleistung abspulen.

„Einen Siegersong kann man nicht planen“
Zechner zeigt sich gewiss, dass man das Format Song Contest erst an Ort und Stelle versteht: „Diesen Druck des Contests kann man erklären, aber unsere Künstlerinnen wissen erst vor Ort, wie es abläuft und was einen erwartet.“ Der Abschied bei Ö3 und auf Topos ist demgemäß ein wichtiges Ritual.
Nach allen Vorbereitungen, Interviews und Veranstaltung werde es jetzt ernst. Noch einmal wird der Song auf heimatlichem Boden dargeboten. Und dann müssen sich Teya & Salena auf englische Wochen einstellen. Einen ersten Vorgeschmack auf den ESC gab es bei Vorveranstaltungen in Madrid, London und Amsterdam.

Dreisäulenmodell bei Songauswahl
„Natürlich trainieren wir vorab im ORF-Zentrum, entwickeln die Choreo für den Song auf der Bühne“, verrät er. So richtig probieren könne man den Song erst vor Ort, so Zechner, der an Unterschiede zu Formaten wie den Vorentscheidungen in San Remo für Italien, Melodifestivalen in Schweden und Beovizija in Serbien erinnert, wo Salena immerhin schon einmal angetreten ist. Die Acts, die von diesen Festivals kommen, seien schon auftrittserfahrener, meint Zechner.
Dennoch könne man einen absoluten Siegersong nicht programmieren – „jedes Jahr setzt sich dann doch auch ein anderes Format durch“. Österreich habe sich bei der Song-Auswahl auf ein Drei-Säulen-Modell gestützt, verrät Zechner: Neben einer ORF-internen Auswahl habe es eine Auswahl vor den Fanvertreterinnen und -vertretern gegeben – und eine Fachjury habe als dritte Säule bei der Bewertung mitgeholfen.
Als Karel Gott für Österreich in London sang
Dass man vor einem Song-Contest-Auftritt viel üben muss, bewiesen Ende der 1960er Jahre schon Udo Jürgens und Karel Gott im Rahmen der ORF-Sendung „Gogoscope“. 1968 trat Gott mit dem Song „Tausend Fenster“ beim Song Contest in London an. Damals wollte der ORF mit der Wahl Gotts auch die Bewegung des Prager Frühlings mit unterstützen. „Tausend Fenster“ wurde von Udo Jürgens komponiert, der zwei Jahre zuvor für Österreich mit „Merci, Chérie“ den ESC 1966 gewinnen konnte.
Der Text stammte von Walter Brandin, einem deutschen Liedtexter und Übersetzer. In der Ballade „Tausend Fenster“ besingt Gott das anonyme Leben in der Großstadt, in der niemand mehr seinen Nachbarn kennt. „Wie auf kleinen Inseln leben wir/Du weißt nicht mal, wer wohnt neben dir/Ihr alle kennt euch nicht/In der gleichen Welt von Lärm und Licht“, heißt es in dem Lied, das man auch als Parabel auf das Verhältnis zweier Länder interpretieren kann, die sich tatsächlich kaum kannten. Karel Gott erreichte mit dem Lied nur Platz 13 von 17 Teilnehmern. Die einzigen zwei Punkte des Abends kamen aus Deutschland.04:21
1968: Udo Jürgens und Karel Gott proben „Tausend Fenster“
Was in Liverpool auf Teya und Salena wartet
In Liverpool treffen Teya & Salena auf die Kandidatinnen und Kandidaten aus 36 anderen Ländern. Sechs – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und das Siegerland des Vorjahres, die Ukraine – sind bereits fix für das Finale qualifiziert, alle anderen singen in zwei Halbfinal-Shows um den Einzug ins große Finale am 13. Mai (jeweils live ab 21.00 Uhr in ORF1).
Im Vorjahr setzte sich das ukrainische Kalush Orchestra mit dem Lied „Stefania“ im Mai beim Song Contest in Turin durch. Weil ein Ende des Krieges nicht absehbar ist, kann das Siegerland aber nicht wie üblich die Gastgeberrolle übernehmen, und der heurige Bewerb wird in Liverpool stattfinden.
Strenges Verbot politischer Botschaften
Das Thema Ukraine-Krieg wird wohl auch heuer präsent bleiben. Obwohl das strenge Regelwerk der European Broadcasting Union (EBU) politische Botschaften strikt verbietet, plant Kroatien, einen Antikriegssong zum Bewerb zu schicken. Die kontroverse Rockband Let 3 singt im Song „Mama SC!“ über einen „kleinen bösen Psychopathen“ und soll eine Botschaft an diejenigen sein, „die denken, dass der Planet ihr Spielzeug ist und sie alle als Marionetten führen können“, so die Band.
Die britische Regierung hatte im Vorfeld angekündigt, dass Geflüchteten aus der Ukraine, die in Großbritannien untergekommen sind, rund 3.000 subventionierte Tickets zu je 20 Pfund zur Verfügung stehen. Kostenlos sind hingegen mehrere Veranstaltungen in Liverpool im Rahmen eines zwei Wochen dauernden Kulturfestivals. Dabei soll es auch Kooperationen britischer und ukrainischer Kunstschaffender geben.
„Who the hell is Edgar?“ – Poe
Die Liverpooler Bürgermeisterin Joanne Anderson kündigte an, die ukrainische Kultur solle beim Fest rund um den Song Contest im Vordergrund stehen: So gibt es eine „Blue And Yellow Submarine Parade“ genannte Unterwasserdisco mit Hunderten Teilnehmerinnen und Teilnehmern – in Anlehnung an die ukrainischen Landesfarben und das Lied „Yellow Submarine“ der Liverpooler Band Beatles.
„Poe, Poe, Poe…“ heißt es im Refrain des heurigen Österreich-Beitrages. Tatsächlich geht es in „Who the hell is Edgar?“ um das Song-Schreiben und den berühmten US-Schriftsteller Edgar Allen Poe. Und auch die Frage, wie es sich anfühlt, wenn, wie so oft, beim Song Contest jemand anderer den Song schreibt, den man zu interpretieren hat.
Loreen etwa, die Vertreterin Schwedens, geht mit den Songwritern ihres Song-Contest-Siegs von 2014 ins Rennen – und wer den Song hört und sieht, hat sofort Replicagedanken im Kopf. „Dadurch, dass wir Edgar Allan Poe als den tatsächlichen Schreiber des Songs darstellen, wollen wir Aufmerksamkeit auf diesen Teil des Musikbusiness leiten. Es ist Satire“, sagte Zechner schon bei der Vorstellung des Songs.

„Die Kreativität geht durch einen durch“
Die 23-jährige Wienerin Teya und die 25-jährige Steirerin Salena sind seit ihrer Teilnahme in der ORF-Castingshow „Starmania 21“ Freundinnen. Beide entdeckten ihre Leidenschaft für die Musik schon in der Kindheit und haben bereits einiges an Erfahrung im Musik- und Showgeschäft vorzuweisen. Ihre gemeinsame Leidenschaft für das Songwriting wird nun auch in „Who the hell is Edgar?“ thematisiert.
Der Text handelt davon, „wie es sich anfühlt, wenn ein guter Song entsteht“, sagt Salena: „Manchmal geht die Kreativität durch einen durch, so als wäre man von einem Geist besessen.“
Gerald Heidegger (Text), ORF Topos, Sophia Felbermair (Text), ORF.at
Links:
Eurovision Song Contest (offizielle Seite der EBU)
oe3.ORF.at zu „Farewell ESC“
OGAE-Austriav1.0.4-production (11. April 2023, 09:16:03)
QELLE : ORF.AT/TOPOS