{"id":994,"date":"2023-03-22T18:18:17","date_gmt":"2023-03-22T17:18:17","guid":{"rendered":"http:\/\/wienernachrichten.at\/?p=994"},"modified":"2023-03-22T18:18:17","modified_gmt":"2023-03-22T17:18:17","slug":"mutzenbacher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wienernachrichten.at\/?p=994","title":{"rendered":"\u201eMutzenbacher\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h1>Auf der Couch mit einer Pornolegende<\/h1>\n\n\n\n<p>Auf der Couch mit einer Pornolegende teilen<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\">Kultur<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\/Film\">Film<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Sexualit%C3%A4t\">Sexualit\u00e4t<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Gesellschaft\">Gesellschaft<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kritik\">Kritik<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Liebe\">Liebe<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Online seit gestern, 15:06 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p>Beischlaf auf Wienerisch: In \u201eMutzenbacher\u201c nutzt Regisseurin Ruth Beckermann den legend\u00e4ren Pornoklassiker aus dem Jahr 1906 f\u00fcr ein Panorama der M\u00e4nnlichkeiten. Bei der Berlinale gab es daf\u00fcr den Preis als bester Film der Sektion \u201eEncounters\u201c, jetzt hat Beckermann Chance auf den Gro\u00dfen Diagonale-Preis als bester Dokumentarfilm.<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?authors=Magdalena+Miedl\">Magdalena Miedl<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bis 1968 war der Roman in \u00d6sterreich verboten, in Deutschland stand er gar bis 2017 auf dem Index. Das kam nicht von ungef\u00e4hr: \u201eJosefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne, von ihr selbst erz\u00e4hlt\u201c aus dem Jahr 1906 schildert aus der fiktiven Ich-Perspektive einer alternden Sexarbeiterin, wie sie als kleines M\u00e4dchen erste sexuelle Erfahrungen im Spiel mit anderen Kindern hat. Sie wird von einem Geistlichen missbraucht, hat Dutzende weitere sexuelle Erlebnisse mit Erwachsenen, alles lustvoll pornografisch beschrieben, bis hin zu ihrem Deb\u00fct als Prostituierte mit 14 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Diagonale\u201923 l\u00e4uft &#8222;<a href=\"https:\/\/www.diagonale.at\/filme-a-z\/?ftopic=finfo&amp;fid=11562\">Mutzenbacher<\/a>&#8220; am 24.3. um 20.30 Uhr im Annenhof Kino 6.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bis heute irritierende und provokante Buch war Ausgangspunkt f\u00fcr Beckermanns Film \u201eMutzenbacher\u201c, der mit einem Casting-Aufruf begann: \u201eWien, 25. April 2021. Casting-Aufruf f\u00fcr einen Film \u00fcber Josefine Mutzenbacher. Gesucht werden m\u00e4nnliche Mitglieder zwischen 16 und 99 Jahren. Dreherfahrung nicht vorausgesetzt\u201c, steht am Anfang des Films. Auf den Aufruf meldeten sich etwa 150 M\u00e4nner, ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte lud Beckermann ein ins Kulturzentrum F23, eine ehemalige Sargfabrik, in der sie eine klassische Casting-Situation inszenierte.<\/p>\n\n\n\n<h2>Couchgefl\u00fcster<\/h2>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4nner, von jungen Burschen bis zu alten Herren, wurden auf eine dort vorgefundene rosarote Couch gebeten, \u201eherrlich, ein ehemaliges Erotiksofa\u201c kommentiert einer. \u201eDieses kitschige Sofa ist sehr wichtig f\u00fcr den Film, weil es diverse Assoziationen hervorruft, von der Erotikcouch \u00fcber die Freud\u2019sche Couch bis zur Casting-Couch\u201c, so Beckermann im Videointerview. Wer mag, f\u00fchlt sich auch ein wenig an die Seidentapete beim pointierten Finale von \u201eWaldheims Walzer\u201c erinnert, Beckermanns Vorg\u00e4ngerfilm.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/5e6199e5-1c4f-46da-a312-2d9fbef8ffe9\/AAABhKSwQ2M\/AAABhKSy4UM\/topos_bigpicture_16_9\/mutzenbacher104.jpeg\" alt=\"\u00c4ltere M\u00e4nner sitzen auf einer Couch mit Blattpapier in der Hand\" title=\"Das pornografische Kuscheln ist nicht allen Mitwirkenden gleich angenehm\"\/><figcaption>Das pornografische Kuscheln ist nicht allen Mitwirkenden gleich angenehm<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eMutzenbacher\u201c besteht \u00fcber weite Strecken darin, dass die Regisseurin ihre Kandidaten, darunter einzelne bekannte Gesichter wie der Schriftsteller Robert Schindel und der ehemalige Filmmuseum-Direktor Alexander Horwath, bittet, einen Ausschnitt aus dem Roman vorzulesen. Beckermann befragt sie anschlie\u00dfend zu Assoziationen, Erlebnissen, ethischen Vorbehalten. Manche M\u00e4nner kennen den Text gut, andere haben nur vage Ahnung vom Entstehungskontext. Dann wieder arrangiert die Regisseurin ihre Casting-Kandidaten zu Ch\u00f6ren, die der Kamera etwa idiosynkratisch wienerische Ausdr\u00fccke f\u00fcr Sex entgegenrufen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Gespr\u00e4chen bl\u00e4ttert sich ein Kaleidoskop von M\u00e4nnlichkeiten, von unterschiedlichen moralischen Bedenken und Formen des Begehrens auf, und zugleich eine Metabetrachtung dessen, wie Literatur funktioniert: Manche M\u00e4nner fassen den Text als rein literarisches, andere wieder als pornografisches Material auf. Viele erl\u00e4utern ihren eigenen Beziehungsstatus und ihre sexuellen Vorlieben. Manche erinnern sich an eigene \u00dcbergrifferfahrungen, und andere wiederum reagieren entsetzt und nehmen die geschilderten sexuellen Handlungen einer Minderj\u00e4hrigen f\u00fcr bare M\u00fcnze.<\/p>\n\n\n\n<h2>\u201eWenigstens noch eine Freud\u2019!\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eManche haben geglaubt, das sei ein Dokumentarbericht von einer Frau\u201c, so Beckermann. \u201eDas fand ich sehr lustig. Meiner Meinung nach ist ganz klar, dass das Buch ein Mann geschrieben hat. Weil das eine m\u00e4nnliche Wunschvorstellung ist, dass alle Frauen permanent Sex haben wollen. Das kann sich eigentlich nur ein Mann ausdenken!\u201c Dieser Aspekt war im Film offenkundig nicht allen klar. \u201eDie Frauen in dem Buch haben wenigstens eine Freud\u2019 am k\u00f6rperlichen Austausch, heutzutage will das ja keine mehr\u201c, glaubt da einer.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/f671ac1e-caa7-47e6-92e7-b48d1675e179\/AAABhKp10Ag\/AAABhKSy4UM\/topos_bigpicture_16_9\/mutzenbacher102.jpeg\" alt=\"Szene aus dem Film Mutzenbacher zeigt Jugendliche auf einer Couch mit Tonassistenten daneben, der ein Mikro h\u00e4lt\" title=\"Manche Generationen reagieren deutlich unbefangener als andere\"\/><figcaption>Manche Generationen reagieren deutlich unbefangener als andere<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Roman ist nicht nur als Klassiker der erotischen Literatur bis heute faszinierend, sondern vor allem aufgrund der immanenten Rechtfertigung sexueller Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen streckenweise schwer ertr\u00e4glich. Das ist auch an den Reaktionen vieler M\u00e4nner in Beckermanns Film abzulesen. Darin ist die \u201eJosefine Mutzenbacher\u201c allerdings auch Kind ihrer Zeit: Das m\u00e4nnliche intellektuelle Wien im fr\u00fchen 20. Jahrhundert rechtfertigte nicht selten sexuelles Interesse an Kindern, ber\u00fchmteste Beispiele sind Peter Altenberg und Adolf Loos.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite waren erst im Jahr zuvor, 1905, Sigmund Freuds \u201eDrei Abhandlungen zur Sexualtheorie\u201c erschienen, in denen er sich auch mit infantiler Sexualit\u00e4t auseinandersetzte. \u201eEs war die Zeit, in der man die Sexualit\u00e4t von Kindern auch entdeckt und dar\u00fcber gesprochen hat, mehr als heute. Heute spricht man wirklich nur \u00fcber Gefahren und Missbrauch\u201c, so Beckermann. Dass die \u201eJosefine Mutzenbacher\u201c trotz des problematischen soziokulturellen Kontexts als pornografisches Werk ungemein wirkungsvoll ist, macht das Unbehagen bei der lustvollen Lekt\u00fcre nicht weniger gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer das Buch verfasst hat, das nach Erscheinen in unz\u00e4hligen illegalen Nachdrucken sofort die Runde machte, ist \u00fcbrigens nach wie vor unklar. Karl Kraus brachte damals das Ger\u00fccht in Umlauf, der Roman sei von \u201eBambi\u201c-Autor Felix Salten verfasst. Das gilt heute zwar als widerlegt, hinderte Saltens Nachfahren allerdings nicht daran, in den 70er Jahren, nach dem ersten offiziellen Nachdruck, beim Verlag Tantiemen einzufordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sicher gilt nur, dass der Roman kein tats\u00e4chlicher autobiografischer Bericht ist, sondern frei erfunden. \u201eF\u00fcr mich war das nie relevant, wer es geschrieben hat. Nat\u00fcrlich nicht, als ich es als Kind gelesen hab, und heute auch nicht\u201c, so Beckermann. \u201eEs war sicher wer, der gut schreiben konnte und das Milieu sehr gut kannte. Und es war jemand, der einen wirklichen Roman konstruieren konnte und der die wienerische Sprache gut kannte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Beckermanns Film ist eine fantastische Relekt\u00fcre des Pornoklassikers, der Lust auf weitere Besch\u00e4ftigung zum Thema macht. Der Tagungsband einer literaturwissenschaftlichen Tagung im Jahr 2017 zur \u201eJosefine Mutzenbacher\u201c und die kritische Neuherausgabe der \u201eJosefine Mutzenbacher\u201c, erg\u00e4nzt um den umfassenden Anhang einschl\u00e4giger wienerischer Begrifflichkeiten von Oswald Wiener aus dem Jahr 1969, sind unbedingt empfehlenswert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Magdalena Miedl, ORF Topos<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2>Links:<\/h2>\n\n\n\n<ul><li><\/li><li><a href=\"https:\/\/sonderzahl.at\/product\/josefine-mutzenbacher\/\">\u201eJosefine Mutzenbacher\u201c (Kritische Neuausgabe, Sonderzahl)<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/sonderzahl.at\/product\/die-mutzenbacher\/\">\u201eDie Mutzenbacher\u201c (Tagungsband, Sonderzahl)<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>v1.0.4-production (14. March 2023, 10:02:17)<\/p>\n\n\n\n<p>QELLE : ORF.AT <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Couch mit einer Pornolegende Auf der Couch mit einer Pornolegende teilenKulturFilmSexualit\u00e4tGesellschaftKritikLiebe Online seit gestern, 15:06 Uhr Beischlaf auf Wienerisch: In \u201eMutzenbacher\u201c nutzt Regisseurin Ruth Beckermann den legend\u00e4ren Pornoklassiker aus dem Jahr 1906 f\u00fcr ein Panorama der M\u00e4nnlichkeiten. 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