{"id":827,"date":"2023-02-05T13:58:31","date_gmt":"2023-02-05T12:58:31","guid":{"rendered":"http:\/\/wienernachrichten.at\/?p=827"},"modified":"2023-02-05T13:58:31","modified_gmt":"2023-02-05T12:58:31","slug":"solist-werden-wollen-was-fuer-ein-quatsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wienernachrichten.at\/?p=827","title":{"rendered":"SOLIST WERDEN WOLLEN: &#8222;WAS F\u00dcR EIN QUATSCH!&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Sabine Meyer, Deutschlands Klarinettistin par excellence, \u00fcber Mozart, Neue Musik und die Ungleichbehandlung als Frau.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/www.wienerzeitung.at\/_em_daten\/_cache\/image\/1x3J4_P4dUMOAnOW5FgnPnCz7Rxn02mgGaEv8voUxPljc8Y1kweE3uNiKQQU5gH8jpYsdsofX0PY-K4bs0JGiCidh1JUm5a_NjVMCfUK9mRc_qZjwOvyzfjA\/230203-1648-948-0900-420863-20230203frau.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption>Liebt das Mozart-Klarinettenkonzert, aber auch den Kontakt mit druckfrischen Noten: Sabine Meyer.\u00a9 Christian Ruvolo<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"absatz1\">Wer eine Ahnung davon bekommen will, wie lang Mozarts Klarinettenkonzert schon das Leben von Sabine Meyer begleitet, muss nur der Videoplattform YouTube einen kurzen Besuch abstatten. Dort findet sich unter anderem ein Konzertmitschnitt, der recht eindeutig nach den sp\u00e4ten 80er Jahren aussieht. Man merkt es nicht nur an der pixeligen Bildqualit\u00e4t, sondern auch an der luftigen F\u00f6hnfrisur und dem Outfit der jungen Protagonistin.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als 30 Jahre ist das her, und trotzdem: Dieses Mozart-Werk, ein Kernst\u00fcck von Meyers Repertoire, ist weiter kein &#8222;Selbstl\u00e4ufer&#8220; f\u00fcr sie, sagt die Deutsche im Gespr\u00e4ch. &#8222;Es wird nicht leichter, es ist jedes Mal eine Riesenherausforderung.&#8220; Auf der anderen Seite sei dieses Konzert &#8211; Meyer wird es am n\u00e4chsten Mittwoch wieder einmal im Wiener Musikverein interpretieren &#8211; &#8222;wie ein Kraftwerk. Man wird nie m\u00fcde, es zu \u00fcben.&#8220; Dabei habe sie &#8222;noch immer nicht das Gef\u00fchl, alles verstanden zu haben&#8220;. Wenn Meyer an Details herumprobt, k\u00f6nnen sich noch immer Aha-Erlebnisse einstellen: &#8222;Erst heute Morgen hab ich wieder ge\u00fcbt und mir gedacht: Boh, warum hab ich das nicht schon immer so gespielt, das ist ja viel sch\u00f6ner.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<h2>&#8222;Er dreht sich im Grab um&#8220;<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine Feststellung, auf die Meyer im Mozart-Zusammenhang besonderen Wert legt: Sie spielt das Konzert im Originalsound &#8211; also auf der Bassettklarinette. &#8222;Es geht hier stark um Klangcharakteristik, um die Gegen\u00fcberstellung eines tiefen, melancholischen Registers und eines hohen; das bestimmt das Mozart-Konzert. Ich denke, er dreht sich im Grab um, wenn es auf einer normalen Klarinette gespielt wird.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Achtmal hat Sabine Meyer bis heute den Echo-Klassik-Preis erhalten und ist auch anderweitig viel pr\u00e4miert worden, gilt heute als &#8222;First Lady der Klarinette&#8220;. Hand aufs Herz: Ben\u00fctzt sie ihre Autorit\u00e4t bisweilen, um auf der Orchesterb\u00fchne ihre Klangvorstellungen durchzusetzen? &#8222;Um Gottes willen, nein! So bin ich nicht, so macht man auch einfach nicht Musik.&#8220; Ihr Ideal f\u00fcr Orchesterauftritte sei eine &#8222;Kammermusik im gro\u00dfen Stil&#8220;, sagt Meyer, die tats\u00e4chlich einen betr\u00e4chtlichen Teil ihrer Karriere der Arbeit in kleineren Formationen gewidmet hat. Das Werken an Kammermusik empfindet sie als &#8222;wahnsinnige Bereicherung&#8220; &#8211; vor allem, wenn es im Freundeskreis stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso kritischer sieht sie die Rolle, f\u00fcr die sie gemeinhin steht &#8211; die der &#8222;gro\u00dfen&#8220; Solistin. &#8222;Ich habe oft Studenten, die sagen: \u201aIch will Solist werden.\u2018 Was f\u00fcr ein Quatsch! Was ist das f\u00fcr ein armes Leben, als Solist unterwegs zu sein? Wie traurig ist das Hotelleben manchmal?&#8220; Au\u00dferdem: Die sch\u00f6nsten Stellen f\u00fcr die Klarinette ortet Meyer in der Orchester- und Kammerliteratur. Stimmt nat\u00fcrlich: Die Klarinette hat im Lauf einer Symphonie etliche F\u00fcllt\u00f6ne beizusteuern. Aber &#8222;da gibt es auch wahnsinnig tolle Passagen, etwa in Beethovens Symphonien. Und gerade der Wechsel zwischen Tutti und Soli ist reizvoll.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Meyer \u00fcber die Jahre zur Klarinetten-Koryph\u00e4e aufgestiegen ist, hat ihr aber noch eine reizvolle M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet &#8211; n\u00e4mlich das Repertoire f\u00fcr ihr Fach zu vergr\u00f6\u00dfern. Mehr als 40 Tonsetzer, darunter Peter E\u00f6tv\u00f6s, Manfred Trojahn und Aribert Reimann, haben Werke f\u00fcr die Virtuosin verfasst, andere Notenspenden sind ungefragt in ihrem Postfach eingetrudelt. &#8222;Es war mir immer ein Bed\u00fcrfnis, neue Musik in meine Programme miteinzubauen, ich habe damit nie schlechte Erfahrung gemacht&#8220;, sagt Meyer.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat dann aber nat\u00fcrlich nicht alle eingelangten Partituren gespielt, manche bewusst ausgeschlossen. &#8222;Wovor ich mich scheue, ist, wenn kein normaler Ton in dem Werk dabei ist, wenn viel Equipment und Elektronik n\u00f6tig sind. Das bin nicht ich, das verstehe ich nicht.&#8220; Was sie an einem Komponisten sch\u00e4tze: &#8222;Wenn er nicht einfach losschreibt, sondern sich erst einmal die Spielm\u00f6glichkeiten der Klarinette anschaut.&#8220; Ein Musterbeispiel: der Ungar M\u00e1rton Ill\u00e9s. Der habe sich zum besseren Verst\u00e4ndnis eine Klarinette gekauft und sich dann selbst an dem Rohrblattinstrument versucht, bevor er ein Werk f\u00fcr die Virtuosin verfasst hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Sch\u00f6ne an der Karriere von Sabine Meyer ist aber wohl auch: Dass sie mehr als 30 Alben einspielte, zu einer Zeit, als der CD-Markt noch nicht darniederlag. Ist sie froh \u00fcber dieses Timing? Meyer lacht: &#8222;Naja, reich bin ich davon nicht geworden.&#8220; Es sei &#8222;ein bisschen etwas&#8220; angefallen, &#8222;aber nicht vergleichbar mit der Popbranche&#8220;. Was sie heute an den Plattenlabels vermisst, ist eine gewisse Freiheit: &#8222;Man hat fr\u00fcher einfach sagen k\u00f6nnen: \u201aLass uns Alban Berg aufnehmen.\u2018 Heute w\u00e4re die Antwort: \u201aDas geht ja nun gar nicht!\u2018 Damals ging es nicht nur um Profit. Wenn ein K\u00fcnstler eine programmatische Idee hatte, wurde er unterst\u00fctzt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Was sich laut Meyer \u00fcber die Jahre leider nicht ge\u00e4ndert hat: der Gender Gap bei der Vergabe von F\u00fchrungsposten. Sie selbst hat diesbez\u00fcglich in den 1980er Jahren Schlagzeilen gemacht: Meyer, damals eine von nur zwei Frauen bei den Berliner Philharmonikern, erhielt von Herbert von Karajan den Posten der Zweiten Solo-Klarinettistin zuerkannt, r\u00e4umte den Sessel dann aber im Kontext schwelender Konflikte zwischen Chefdirigent und Ensemble wieder. &#8222;Die Sache war komplex, am Schluss ging es nicht mehr um das Thema Frau, es gab politische und andere Gr\u00fcnde&#8220;, sagt Meyer, die nicht mehr \u00fcber den Fall reden will. Bemerkenswert ist f\u00fcr sie aber: &#8222;Das ist jetzt 40 Jahre her, und was hat sich getan?&#8220; Stimmt zwar, dass heute mehr Frauen in den Orchesterreihen sitzen, doch oft nicht auf wichtigen Sitzen, meint Meyer. &#8222;Es ist immer noch so in der Musik, in der Politik und in der Wirtschaft: Wenn es um F\u00fchrungspositionen geht, hat es eine Frau weiterhin schwerer.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;&#8220;&#8220;&#8220;&#8220;&#8220;Live am Mittwoch, 8. Februar, mit dem Philharmonischen Orchester Gy\u00f6r im Goldenen Saal<br>des Wiener Musikvereins.&#8220;&#8220;&#8220;&#8220;&#8220;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>QUELLE : https:\/\/www.wienerzeitung.at\/<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sabine Meyer, Deutschlands Klarinettistin par excellence, \u00fcber Mozart, Neue Musik und die Ungleichbehandlung als Frau. 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