{"id":1140,"date":"2023-04-08T17:11:41","date_gmt":"2023-04-08T16:11:41","guid":{"rendered":"http:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1140"},"modified":"2023-04-08T17:11:41","modified_gmt":"2023-04-08T16:11:41","slug":"ostern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1140","title":{"rendered":"Ostern"},"content":{"rendered":"\n<h1>Br\u00e4uche zeigen die Gesellschaft<\/h1>\n\n\n\n<p>Br\u00e4uche zeigen die Gesellschaft teilen<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Gesellschaft\">Gesellschaft<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Soziales\">Soziales<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=%C3%96sterreich\">\u00d6sterreich<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Online seit heute, 06:00 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p>Wie das Osterfest, vor allem die Zeit davor, zu verbringen sei, ist seit dem zweiten Jahrhundert nach Christus Gegenstand teils heftiger Kontroversen. Fasten und Erl\u00f6sung sind zentrale Gedanken auf dem Weg hin auf das christliche Osterfest. Doch viele Br\u00e4uche haben auch weltliche Hintergr\u00fcnde, die sehr auf das politische System einer Region verweisen.<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?authors=Gerald+Heidegger\">Gerald Heidegger,&nbsp;<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?authors=Silvia+Heimader\">Silvia Heimader<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Um die Archaik der Osterbr\u00e4uche in \u00d6sterreich zu finden, muss man nicht ewig weit in die Vergangenheit blicken. Ein Dokument zu Osterbr\u00e4uchen in Tirol und Osttirol aus dem Jahr 1973 zeigt eine Reihe von Br\u00e4uchen und Ritualen, die in der Gegenwart einigerma\u00dfen fremd ankommen. Sie erz\u00e4hlen von der \u00dcberwindung des \u201eB\u00f6sen\u201c ebenso wie die Bitten um ein Auskommen im Leben und die Erinnerung an die \u00dcberwindung des Todes durch Jesus von Nazareth.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUm Ostern als wichtigste Zeit im kirchlichen Jahreslauf verteilten sich in fr\u00fcheren Zeiten wichtige Lostage\u201c, berichtet auch der Matreier Volkskundler Karl C. Berger. Lostage bezeichnet dabei Tage, an denen gewisse T\u00e4tigkeiten verrichtet, aber auch Tribute entrichtet werden mussten. Aufgef\u00fchrte Br\u00e4uche rund um das Osterfest, so Berger, hingen mit diesen Pflichten bzw. Zinsabgaben zusammen. Die sp\u00e4tmittelalterlichen Abgabepflichten an die Grundherren fallen da ebenso darunter wie die verpflichtende Abgabe von Naturalien. Das \u201eZinsei\u201c oder auch \u201eHubei\u201c geh\u00f6rt dazu und meint den \u00dcberschuss an Eiern, die Bauern in der Fastenzeit ansammelten und als Zinsleistung an die Grundherren in Naturalform \u00fcbergaben. Die strenge Fastenzeit verbot ja den Verzehr von Fleisch. Und unter dieses Verbot fiel auch das Ei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Orte des Videos aus 1973<br><br><\/strong>Au\u00dferfern \u2013 Scheibenschlagen am \u201eHexensonntag\u201c<br>Hall in Tirol \u2013 Palmsonntag bis Karsamstag<br>Pr\u00e4graten \u2013 Prozession mit Widder<br>Kals am Gro\u00dfglockner \u2013 Widderprozession am Schmerzensfreitag<br>Oberlienz \u2013 Ratschen<br>Thurn in Osttirol \u2013 Helenenkirche<\/p>\n\n\n\n<h2>Die Fixierung auf das Thema Brot<\/h2>\n\n\n\n<p>Umgekehrt brachte die fleischlose Zeit eine Fixierung auf die Bedeutung von Brot, was man etwa in Tirol an den zahllosen Brotweihen ablesen kann. Zum Helenenkirchl oberhalb von Lienz pilgerte man vor Ostern mit Tieren und Leiterwagen, um dort Brotlaibe zu weihen und eine gute Roggenernte zu erbitten. Die Verteilung des geweihten Brotes (wie auch im Topos-Video am Schluss zu sehen) hat somit die Bitte um den Segen f\u00fcr das Jahr wie auch die Feier des Osterwunders, an das Christinnen und Christen glauben, zum Gegenstand. Gebacken wurde zu Ostern auch ein spezielles Fladenbrot, das sich durch das Feuer (Mittelhochdeutsch: \u201evochenze\u201c) als \u201eFochaz\u201c bzw. \u201eFochezn\u201c in den sp\u00e4teren Sprachgebrauch \u00fcbersetzte. Man muss also nicht nach Italien schauen, um die \u201eFocaccia\u201c zu lokalisieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/777bd18d-c94e-4e1e-b89b-569ce3b5bf7e\/AAABh1IclQM\/AAABhKSyzMw\/topos_body_16_9\/osterbraeuche108.jpeg\" alt=\"\" title=\"Traditionelles Osterbrot \u201eFochaz\u201c\"\/><figcaption>Traditionelles Osterbrot \u201eFochaz\u201c<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2>Funkenfeuer und \u201eHexenverbrennung\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Sonn-, aber auch Freitage in der Fastenzeit waren mit symbolischen Handlungen verbunden, die in enger Verbindung mit dem Osterfest standen. Etwa das Funkenfeuer, das als alter Feuerbrauch im schw\u00e4bisch-alemannischen Raum, aber auch im Tiroler Oberland und im Vinschgau verbreitet ist. Der Funken ist meist ein Strohhaufen oder aufgeschichteter Holzturm, der nach Einbruch der Abendd\u00e4mmerung angez\u00fcndet wird. Auf der Spitze des Funkenturmes befindet sich nicht selten eine Hexenpuppe (\u201eFunkenhexe\u201c), die mancherorts auch mit Schie\u00dfpulver gef\u00fcllt sein kann. Das laute Explodieren der Hexenpuppe als H\u00f6hepunkt des Funkenfeuers wird in manchen Gegenden als besonderes Gl\u00fcckszeichen gewertet.<strong><\/strong>01:29<\/p>\n\n\n\n<p>Dorfbewohner bei einer Feuerweihe in Osttirol, 1936<\/p>\n\n\n\n<p>In Tirol, wie ebenfalls auf dem Video zu sehen, ist das Scheibenschlagen mit der Tradition des Funkenfeuers verbunden: Brennende Scheiben werden von Lanzen in die dunkle Nacht geschleudert und mit Sinnspr\u00fcchen unterlegt (Anfang des Topos-Videos, hier mit einem Beispiel aus dem Au\u00dferfern). In vielen Gegenden Nordtirols hei\u00dft der erste Sonntag der Fastenzeit auch \u201eHexensonntag\u201c. Und in Vorarlberg lie\u00df man diese Tradition in die Liste des UNESCO-Erbes eintragen. Ob freilich das Abbrennen einer Frauenfigur in die Zeit passt, ist seit den 1990er Jahren Gegenstand von Debatten. Im Vorarlberger Lustenau feierte man 2019 noch den Weltrekord beim Aufstellen eines \u00fcber 60 Meter hohen Holzturmes, an dessen Spitze die \u201eFunkenhexe\u201c stand.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/876fd06b-5346-49ce-a50c-48d39eba1a8a\/AAABh1If044\/AAABhKSyzMw\/topos_body_16_9\/osterbraeuche104.jpeg\" alt=\"\" title=\"Das Verbrennen einer \u201eFunkenhexe\u201c im Tiroler Au\u00dferfern, 1973\"\/><figcaption>Das Verbrennen einer \u201eFunkenhexe\u201c im Tiroler Au\u00dferfern, 1973<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Manche Brauchtumsformen der Osterzeit entwickelten sich gar als Widerstandsformen gegen die gesamtstaatliche Obrigkeit. Am \u201eSchmerzensfreitag\u201c, das ist der Freitag eine Woche vor dem Karfreitag, wird in vielen Gemeinden ein wei\u00dfer Widder an der Spitze einer Prozession in die Pfarrkirche geleitet, um der \u201esieben Schmerzen der Maria\u201c zu gedenken. Der festlich geschm\u00fcckte Widder bleibt w\u00e4hrend der gesamten Messe vor dem Marienaltar stehen und wird nach der Messfeier versteigert. Im Osttiroler Kals am Fu\u00dfe des Gro\u00dfglockners geht das \u201eWidderopfer\u201c auf ein Pestgel\u00f6bnis aus dem fr\u00fchen 17. Jahrhundert zur\u00fcck. Des \u00dcberstehens der Pest sollte mit diesem Widderopfer gedacht werden. Selbst ein Verbot dieses Rituals w\u00e4hrend des Josephinismus wurde von den Kalsern missachtet.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Als die Virger und Pr\u00e4gratner in ihrem Glauben zur Kirche \u201aMaria Schnee\u2018 in Obermauern pilgerten, machte der Zug der Bittsteller Halt, um auf halbem Wege zu beten. Pl\u00f6tzlich ersp\u00e4hten sie hinter den Z\u00e4unen den schwarzen Tod in der Gestalt des Sensenmannes. Mit einem m\u00e4chtigen Schwung hieb der dunkel verh\u00fcllte Knochenmann seine Sense in Richtung des Tales. Die Pilger beobachteten dies erschrocken und mussten tatenlos zusehen. Ihre einzige M\u00f6glichkeit bestand im Gebet. Die schien zu fruchten, denn gerade als der Sensenmann erneut zum Schwung ausholen wollte, st\u00fcrmte ihm aus Richtung der Kirche her ein wei\u00dfer Widder entgegen. Wutentbrannt rammte das Tier dem schwarzen Tod seinen m\u00e4chtigen geh\u00f6rnten Sch\u00e4del in die Seite.&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Zur Legende aus dem fr\u00fchen 17. Jh., aus: Bernd Lenzer, Martin M\u00fcller: Lebendiges Brauchtum in Osttirol und im s\u00fcdtiroler Pustertal (2005)<\/p>\n\n\n\n<h2>Die fr\u00fchchristliche Debatte \u00fcber das Osterfest<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie die Zeit vor Ostern zu feiern sei, ist regional h\u00f6chst unterschiedlich. Fasten und der Erl\u00f6sungsgedanke sind aber schon seit der Fr\u00fchzeit des Christentums zentral. Umstritten aber war durch die langsame Absetzbewegung der christlichen Sekte aus dem Judentum des vorderen Orients, wie sehr das Osterfest mit der Feier des j\u00fcdischen Pessach-Festes in Verbindung stehen sollte. Galt das Pessach-Fest ja als Familienfest, setzten das fr\u00fche Christentum und vor allem jene, die es im Westen verbreiteten, auf ein weitgehend \u201e\u00f6ffentliches\u201c Fest, sofern das vor dem politischen Rahmen m\u00f6glich war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/eaae79d3-3af1-4e51-b62d-f84340563253\/AAABh1Ii6xA\/AAABhKSyzMw\/topos_body_16_9\/osterbraeuche110.jpeg\" alt=\"\" title=\"Osterfeuer im Lungau am Karsamstag\"\/><figcaption>Osterfeuer im Lungau am Karsamstag<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Herzst\u00fcck der Osterfeier ist die n\u00e4chtliche Vigil, zu er alle Christinnen und Christen zusammenkommen sollen und eben nicht nur die Mitglieder einer Familie. Der fr\u00fchchristliche Schriftsteller Tertullian (150\u2013220) f\u00fcrchtete sogar, der heidnische Gatte k\u00f6nnte Bedenken haben, seine christliche Frau zu der n\u00e4chtlichen Osterfeier gehen zu lassen. Der Verlauf einer \u00f6sterlichen Feier ist durch die zentralen Glaubensgrunds\u00e4tze des Christentums um die Auferstehung und das Leben nach dem Tod unbestritten \u2013 unterschiedliche Auslegungen existierten im fr\u00fchen Christentum \u00fcber die L\u00e4nge der Fastenzeit, die ein paar Tage ebenso umfassen konnte wie die Woche zwischen Palmsonntag und der Auferstehungsfeier.<br><br>\u201eTrotz verschiedener Akzentuierungen im Einzelnen darf man f\u00fcr Ost und West eine weitgehend \u00fcbereinstimmende Auffassung vom Grundgedanken der \u00f6sterlichen Feier annehmen\u201c, schreibt der Kirchenhistoriker Hubert Jedin in seiner Geschichte der fr\u00fchchristlichen Kirche: \u201eMan begeht in ihr das Ged\u00e4chtnis der Grundwahrheiten und Grundtatsachen der christlichen Erl\u00f6sung, die der Menschheit durch den Tod und die sieghafte Auferstehung des Herren zuteilwurde.\u201c Die endg\u00fcltige Festlegung, wie Ostern zu feiern sei und wer vor allem Teil der Kirche ist, erfolgte letztlich im Konzil von Nic\u00e4a im Jahr 325.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gerald Heidegger (Text und Video-Gestaltung), ORF Topos, Silvia Heimader (Archivrecherche), Marlene Mayer (Schnitt), f\u00fcr ORF Topos<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Links:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"https:\/\/www.osttirol-heute.at\/chronik\/klueger-als-der-osterhase-ostern-im-volkskunstmuseum-und-braeuche-in-osttirol\/\">Osterbr\u00e4uche in Tirol und Osttirol (Tiroler Volkskundemuseum)<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/geschichte-ethnologie\/datenbanken\/feste-und-braeuche\/infoservice\/widderopfer.html\">Hintergr\u00fcnde zum Widderopfer (Uni Innsbruck)<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/orf.at\/stories\/3115388\/\">\u201eWeltrekordfunken\u201c in Lustenau (vorarlberg.ORF.at)<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/religion.orf.at\/\">Osterschwerpunkt auf religion.ORF.at<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>v1.0.4-production (06. April 2023, 08:59:15)<\/p>\n\n\n\n<p>QELLE : ORF.AT <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Br\u00e4uche zeigen die Gesellschaft Br\u00e4uche zeigen die Gesellschaft teilenGesellschaftSoziales\u00d6sterreich Online seit heute, 06:00 Uhr Wie das Osterfest, vor allem die Zeit davor, zu verbringen sei, ist seit dem zweiten Jahrhundert nach Christus Gegenstand teils heftiger Kontroversen. 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