{"id":1085,"date":"2023-04-05T17:05:58","date_gmt":"2023-04-05T16:05:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1085"},"modified":"2023-04-05T17:05:58","modified_gmt":"2023-04-05T16:05:58","slug":"tonio-schachinger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1085","title":{"rendered":"Tonio Schachinger"},"content":{"rendered":"\n<h1>\u201eSch\u00fcler Gerber\u201c f\u00fcr die digitale Generation<\/h1>\n\n\n\n<p>\u201eSch\u00fcler Gerber\u201c f\u00fcr die digitale Generation teilen<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kritik\">Kritik<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\">Kultur<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\/Literatur\">Literatur<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Online seit heute, 10:06 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinem neuen Roman begeistert der junge \u00f6sterreichische Autor die Kritik von der \u201eFAZ\u201c bis zur \u201eZeit\u201c: Tonio Schachinger erz\u00e4hlt in \u201eEchtzeitalter\u201c von einem Sch\u00fcler, der acht Jahre Wiener Elitegymnasium durchlebt und durchleidet. Ein wunderbar leichter Ritt durch Schultraumata und das Lebensgef\u00fchl einer Generation, gepaart mit einer Prise Spott gegen\u00fcber den oberen zehntausend.<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?authors=Paula+Pfoser\">Paula Pfoser<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Lehrerinnen und Lehrer sind unfair und die Rotstiftspuren im Schularbeitsheft ziemlich penetrant, schulische Freiheiten gibt es vor allem im Raucherhof, und ohne Ralph Lauren oder andere wahnsinnig wichtige Marken ist man in der Sch\u00fclerhackordnung unten durch: Dass Schachingers neues Buch so viel Zuspruch findet, liegt auch daran, dass diese Themen in Schattierungen alle irgendwie kennen. Und die Schulzeit sowieso gro\u00dfes Kino ist: Was da passiert, ist unendlich wichtig, im Schweren wie im Leichten, mit lebenslangem Nachhall.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht umsonst existiert das Genre Schulerz\u00e4hlung schon seit mehr als 200 Jahren, von Karl Philipp Moritz\u2019 \u201eAnton Reiser\u201c (1785) bis zu Friedrich Torbergs \u201eSch\u00fcler Gerber\u201c (1930), der zur g\u00e4ngigen \u00d6sterreich-Schullekt\u00fcre wurde \u2013 und der nun, meint die APA, von \u201eEchtzeitalter\u201c abgel\u00f6st werden k\u00f6nnte. Mit seinem neuen Roman hat Schachinger ein locker leichtes Buch gezaubert, das das Genre ins 21. Jahrhundert transferiert, konkret in die Jahre zwischen 2012 bis 2020, mit Gaming, Handykommunikation und ganz am Ende auch der Pandemie. Wobei das Setting nicht durchg\u00e4ngig gegenw\u00e4rtig klingt: Till Kokorda, Schachingers Protagonist, besucht das Wiener Elitegymnasium \u201eMarianum\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/6052444e-b909-4f4e-b222-7fb0ad4bcedd\/AAABh1Bz5RM\/AAABhKSzRtc\/topos_bigpicture_3_2\/tonio-schachinger-echtzeitalter112.jpeg\" alt=\"Eingang des Theresianum Wien\" title=\"Architektonisch und stadtgeografisch detailgetreu portr\u00e4tiert: Das \u201eMarianum\u201c ist eindeutig das Wiener Theresianum\"\/><figcaption>Architektonisch und stadtgeografisch detailgetreu portr\u00e4tiert: Das \u201eMarianum\u201c ist eindeutig das Wiener Theresianum<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2>Sch\u00f6ne, b\u00f6se S\u00e4tze<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Lehrer zelebrieren dort immer noch das alte autorit\u00e4re Gehabe und die Kinder gro\u00dfb\u00fcrgerliche Standesd\u00fcnkel. Schon mit zehn wei\u00df man da, was man einmal studieren will, \u201eJus, Wirtschaft oder Medizin&#8220;, und ab zehn werden auch Polohemden oder Poloblusen getragen, ein Leben lang. Die brutale Hackordnung schlie\u00dft sogar die Nachnamen ein (nicht &#8222;-burger&#8220; oder &#8222;-berger&#8220;, sondern bitte &#8222;-burg&#8220; und &#8222;-berg\u201c) und findet im Begriff \u201eintersektionaler Loser\u201c seinen ultimativen sozialen Todessto\u00df. Einem typischen Absolventen wird es \u201ef\u00fcr seine gesamte Lebenszeit als Rebellion gen\u00fcgen, mit 17 seinen \u00fcber das Hemd gelegten Pullover schr\u00e4g \u00fcber eine Schulter zu binden, statt symmetrisch \u00fcber beide\u201c. Solche sch\u00f6nen, b\u00f6sen S\u00e4tze enth\u00e4lt das Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Tonio Schachinger: Echtzeitalter. Rowohlt Verlag, 364 Seiten, 25,50 Euro<\/p>\n\n\n\n<p>Die vielen beil\u00e4ufig eingestreuten, klug beobachteten Details verraten vielleicht, dass Schachinger dieses Setting gut kennt: Der heute 31-J\u00e4hrige war selbst im Theresianum. Dass sein fiktives \u201eMarianum\u201c die Elitekaderschule im 4. Wiener Gemeindebezirk als Vorbild hat, ist unschwer zu erkennen, mit der sch\u00f6nbrunnergelben Fassade und der alles umfassenden Mauer, die am besten beim Theater Akzent zu \u00fcberklettern ist.<\/p>\n\n\n\n<h2>Vom \u201eDurchrutscher\u201c zur Zielscheibe<\/h2>\n\n\n\n<p>Protagonist Till jedenfalls ist anders als die Oberschichtskinder, die Eltern geschieden, ein Nichtfu\u00dfballer, stattdessen ein Gamer. Im Laufe der acht Jahre wird er vom Amateur, der sich in Foren herumtreibt, zu einem der zehn weltbesten Spieler von \u201eAge of Empire 2\u201c. Dieses wortw\u00f6rtlich abseitige Interesse f\u00fchrt immer mehr dazu, dass aus dem \u201eNaturtalent im Nichtauffallen\u201c eine Zielschiebe seines Klassenvorstands Dolinar wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Figur des Dolinar hat Schachinger ein Pendant \u00e0 la \u201eSch\u00fcler Gerber\u201c geschaffen, ein echtes Kaliber an autorit\u00e4rem Charakter. Dolinars Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler haben den Ruf, besonders angepasst zu sein. Bei minimalem Aus-der-Reihe-Fallen werden sie mit Strafen traktiert. Als Klassenlekt\u00fcre setzt der KV ausnahmslos auf das, was durch reclamgelb geadelt ist \u2013 mit Vorliebe Lessing, Stifter und Grillparzer.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist bei aller Brutalit\u00e4t oft ziemlich witzig, der verbotene Ausbruch aus dem Schulgel\u00e4nde auf der Jagd nach der zuhause vergessenen \u201eBrigitta\u201c von Adalbert Stifter wartet mit Thriller-Qualit\u00e4ten auf. Dass die Macht der Lehrerautorit\u00e4t aber letztlich enden wollend ist, sickert hin und wieder durch: Tills Freundin wohnt etwa in einem Palais auf dem Schwarzenbergplatz, die vorgezeichnete Karriere wird es geben, Schule ist da letztlich herzlich egal.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/69ea9272-3fad-4e12-ac11-c31f43d56dcc\/AAABh1Bz2Kc\/AAABhKSyzMw\/topos_body_16_9\/tonio-schachinger-echtzeitalter110.jpeg\" alt=\"Tonio Schachinger sitzt an einer Wand gelehnt\" title=\"Schreiben entlang der Biografie: Das Deb\u00fct des Hobbyfu\u00dfballers Schachinger war ein Fu\u00dfballerbuch, jetzt folgt die Auseinandersetzung mit dem Elitegymnasium\"\/><figcaption>Schreiben entlang der Biografie: Das Deb\u00fct des Hobbyfu\u00dfballers Schachinger war ein Fu\u00dfballerbuch, jetzt folgt die Auseinandersetzung mit dem Elitegymnasium<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2>Herrndorfs \u201eTschick\u201c-Gef\u00fchl<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eEchtzeitalter\u201c ist konventionell erz\u00e4hlt, chronologisch geht es von der Erstbesichtigung der Schule am Tag der offenen T\u00fcr bis zur Matura 2020. Das Konventionelle wird aber durchaus raffiniert gestaltet: Schachinger fliegt manchmal \u00fcber die Jahre hinweg, zoomt einmal rein, ist emotional nah dran, um wieder \u00fcber die Szenerie hinweg zu sausen \u2013 Themen sowie Freundinnen und Freunde kommen und gehen, Konstanten sind nur der Albtraum an Klassenvorstand und die sukzessive wichtiger werdende Gaming-Parallelwelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Leichtf\u00fc\u00dfig kommt das alles daher, nicht zuletzt die Einf\u00fchrung in die Computerspielsph\u00e4ren. Schachinger schafft es mit seinen YouTube-Kanal-, Turnier- und Strategiebeschreibungen, selbst Skeptikerinnen und Skeptikern zu vermitteln, dass das Digitale tats\u00e4chlich Charme haben k\u00f6nnte. So wie der Roman grunds\u00e4tzlich den richtigen Ton trifft, zwischen sp\u00f6ttischer Distanz, Analyse und Einf\u00fchlung, sodass sich zwischendurch das herzerw\u00e4rmende \u201eTschick\u201c-Gef\u00fchl von Wolfgang Herrndorf einstellt.<\/p>\n\n\n\n<h2>Vom kleinen Wiener Verlag zum Big Player<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eEchtzeitalter\u201c ist Schachingers zweites Buch. Mit seinem Deb\u00fct \u201eNicht wie ihr\u201c von 2019 \u00fcber ein Alter Ego von Marko Arnautovic hatte er es \u00fcberraschend auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Vom kleinen Wiener Verlag Kremayr &amp; Scheriau wechselte er daraufhin zum deutschen Big Player Rowohlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einsprengseln \u00fcber \u00f6sterreichische Absonderlichkeiten und die (j\u00fcngere) heimische Vergangenheit wirken vielleicht deswegen manchmal so, als w\u00e4ren sie Richtung deutsches Publikum geschrieben. Dass dieser Heimatkunde-Crashkurs aber letztlich gar nicht st\u00f6rt, liegt wieder an der Leichtigkeit, die sich durch alles zieht. Unterhaltungsliteratur im besten Sinne!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Paula Pfoser (Text und Gestaltung), ORF Topos, Marlene Mayer (Schnitt), f\u00fcr ORF Topos<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2>Links:<\/h2>\n\n\n\n<p>&#8222;<a href=\"https:\/\/www.rowohlt.de\/buch\/tonio-schachinger-echtzeitalter-9783498003173\">Echtzeitalter<\/a>&#8220; (Rowohlt)<br><a href=\"https:\/\/www.book2look.com\/book\/9783498003173\">Leseprobe \u201eEchtzeitalter\u201c\u00a0<\/a>(book2look)<br><a href=\"https:\/\/fm4.orf.at\/stories\/3031906\/\">\u201eEchtzeitalter\u201c-Rezension auf fm4.ORF.at<\/a>v1.0.4-production (04. April 2023, 12:05:59)<\/p>\n\n\n\n<p>QELLE : ORF.AT <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSch\u00fcler Gerber\u201c f\u00fcr die digitale Generation \u201eSch\u00fcler Gerber\u201c f\u00fcr die digitale Generation teilenKritikKulturLiteratur Online seit heute, 10:06 Uhr Mit seinem neuen Roman begeistert der junge \u00f6sterreichische Autor die Kritik von der \u201eFAZ\u201c bis zur \u201eZeit\u201c: Tonio Schachinger erz\u00e4hlt in \u201eEchtzeitalter\u201c von einem Sch\u00fcler, der acht Jahre Wiener Elitegymnasium durchlebt und<span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1085\">Continue Reading<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1085"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1085"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1085\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1086,"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1085\/revisions\/1086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1085"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1085"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wienernachrichten.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1085"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}