{"id":1049,"date":"2023-03-31T16:53:38","date_gmt":"2023-03-31T15:53:38","guid":{"rendered":"http:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1049"},"modified":"2023-03-31T16:53:38","modified_gmt":"2023-03-31T15:53:38","slug":"la-perichole","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1049","title":{"rendered":"\u201eLa P\u00e9richole\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h1>Eine Staatsoperette mit Beinschab-Tool<\/h1>\n\n\n\n<p>Eine Staatsoperette mit Beinschab-Tool teilen<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kritik\">Kritik<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\">Kultur<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\/B%C3%BChne\">B\u00fchne<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>17. Januar 2023, 15:03 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p>Wie w\u00e4re die Welt, wenn Wunschumfragen und Wunschfragestellungen der Politik in einer Gesellschaft Wirklichkeit w\u00fcrden? Es k\u00f6nnte genau so aussehen wie im 19. Jahrhundert \u2013 oder im \u00d6sterreich der sp\u00e4ten 2010er Jahre. Regisseur Nikolaus Habjan hat jedenfalls das in \u00d6sterreich ohnedies nicht mehr zweifelsfrei erkennbare Spiel zwischen Realit\u00e4t und Satire auf die B\u00fchne des Theaters an der Wien gebracht. Jacques Offenbachs Opera buffa \u201eLa P\u00e9richole\u201c wird bei ihm zur Staatsoperette mit Beinschab-Tool.<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?authors=Gerald+Heidegger\">Gerald Heidegger<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wo sind die Zeiten hin, da Volkskom\u00f6die und Kabarett die vierte S\u00e4ule f\u00fcr Kritik und Kontrolle im Staate waren? Die Zeiten sind gar nicht so fern, wenn man ein bisschen \u00fcber-, vielleicht aber auch unterzeichnet oder einfach nur deutlich w\u00fcrde, dachte sich wohl Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan, der den Auftrag hatte, Offenbachs leichte Oper \u201eLa P\u00e9richole\u201c mit (ziemlich) adaptierter Karl-Kraus-\u00dcbersetzung in die Gegenwart des Theaters an der Wien im Museumsquartier (MQ) zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/362645e5-a81a-4304-937e-4558e754920e\/AAABhcPXp3I\/AAABhKSzcmk\/topos_body_2_3\/la-perichole-staatsoperette112.jpeg\" alt=\"Szene aus \u201eLa Perichole\u201c\" title=\"Don Pedro und die zwei Advokaten auf der Plaza de la Corrupci\u00f3n: \u201eLima darf nicht Wien werden\u201c \"\/><figcaption>Don Pedro und die zwei Advokaten auf der Plaza de la Corrupci\u00f3n: \u201eLima darf nicht Wien werden\u201c<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2>Lima darf nicht Wien werden<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eFreie Zensur\u201c hei\u00dft das Hauptmedium bei ihm im Staat, der freilich nicht \u00d6sterreich ist, sondern, wie im Original verlangt: Peru, das aber, so steht schon am Beginn in der \u00c4sthetik bekannter Wahlplakate zu lesen, nicht \u00d6sterreich werden d\u00fcrfe. Daf\u00fcr soll ein Vizek\u00f6nig (Alexander Str\u00f6mer) sorgen, der das Land regiert, sich aber eigentlich noch mehr f\u00fcr die sch\u00f6nen Frauen im Staat interessiert. Ein Schelm oder eine Schelmin, wer da an einen Vizepolitiker in \u00d6sterreich denkt, wobei das mit dem An-Querbez\u00fcge-Denken in dieser Inszenierung so eine Sache ist, hat die feine Klinge doch etwas von einem Holzhammer, der jeden Gag durch die Manege treibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum aber mal nicht teilhaben an einem Operettenabend, bei dem die \u00c4sthetik und Assoziationssprache direkt aus den Franz-Nowotny-Filmen \u201eExit I\u201c und \u201eExit II\u201c geborgt scheint \u2013 und die in jedem Fall \u00fcberzeugender funktioniert als eine Gesellschaft aus altem Geld. Operette als Ventil und Medium der Selbstsatire, das konnte im 19. Jahrhundert schon niemand besser als der nach Paris gegangene K\u00f6lner Offenbach.<strong><\/strong>00:10<strong>Dieses Video ist nicht mehr verf\u00fcgbar<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLa P\u00e9richole\u201c im Theater an der Wien<\/p>\n\n\n\n<h2>Wir spielen Staat<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Vizek\u00f6nig von Peru regiert sein Land eigentlich so, wie es sich auch auf anderen Terrains Politikerinnen und Politiker vorstellen: Man spielt den funktionierenden Staat und f\u00fchlt sich in ihm wohl. Oder hat sich in ihm wohl zu f\u00fchlen. So trifft der Vizek\u00f6nig in Verkleidung auf ein Volk, wie es sich jede Landeshauptfrau oder jeder Landeshauptmann vorstellen w\u00fcrde. Auf die Frage: \u201eWie finden Sie die Regierung?\u201c kommt die Antwort: \u201eHervorragend. Besonders die Minister, einer besser als der andere!\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/5f520351-45c0-4121-a5fb-d458724de260\/AAABhb-otcs\/AAABhKSzcmk\/topos_body_2_3\/la-perichole-staatsoperette106.jpeg\" alt=\"Szene aus \u201eLa Perichole\u201c\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Message-Control in Peru sorgen zwei Akteure im Hintergrund: Don Pedro, verk\u00f6rpert von Gerhard Ernst, der nicht von ungef\u00e4hr Fleischlaberl im Staat zu verteilen hat, soll er doch aussehen wie der beliebte Fleischhauer aus der Fernsehwerbung, den er ja so \u00fcberzeugend verk\u00f6rpert hatte. Panatellas (Boris Eder) hat wieder die Funktion, die Narrative im Staat zu steuern \u2013 und dem Vizek\u00f6nig vorzuspielen, alles im Lande funktionierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Vizek\u00f6nig hat ja ein Leben neben dem Staat \u2013 und so verliebt er sich just in der gespielten Szenerie in eine sch\u00f6ne Blondine mit nicht komplett vollendeter Pedik\u00fcre. P\u00e9richole, das hungrige M\u00e4dchen aus der Unterschicht (Anna Lucia Richter), die mit ihrem Herzensgeliebten Piquillo (David Fischer) unterwegs ist, kommt in die Versuchung der \u201eDreigroschenoper\u201c und zieht dann doch das Fressen der Moral vor, wie sie auch in der Tonlage des 19. Jahrhunderts singt: \u201eWelche Leidenschaft kann man erwarten\/Wenn man sich liebt und dabei vor Hunger stirbt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/63b718ca-24d5-41b5-ae4b-49f057fb2c3d\/AAABhb-pALM\/AAABhKSzBRA\/topos_body_3_2\/la-perichole-staatsoperette104.jpeg\" alt=\"Szene aus \u201eLa Perichole\u201c\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h2>Offenbach und die neue Herzensbildung<\/h2>\n\n\n\n<p>Am Ende setzt sich bei Offenbach ja die Herzensbildung durch. Nicht im Geist Rousseaus, sondern aus der Ver\u00e4nderung der Publikumsschichten des 19. Jahrhunderts: Die von unten sind bei ihm auch mal dran beim Happy End, das bis dahin nur den hohen St\u00e4nden vorbehalten war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLa P\u00e9richole\u201c ist noch am 18., 22., 25., 29. und 31. J\u00e4nner im MusikTheater an der Wien im MQ zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Habjan endet alles in einer Form der Staatsoperette und vor den \u201eSeitenblicken\u201c des Sender PRF, womit wohl das \u00f6ffentlich-rechtliche peruanische Fernsehen gemeint sein darf. Vor laufender Kamera gibt der Staatschef den Herzensmenschen und wird dabei von einem H\u00e4ftling in Puppengestalt beobachtet, der sein graues Haar nur ungen\u00fcgend hinters Ohr k\u00e4mmen kann. Nur noch zw\u00f6lf Jahre habe er abzusitzen, sagt eine in der Intonation unverkennbare Stimme.<\/p>\n\n\n\n<h2>Niederschwellig, flott, derb<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Altherrenwitz ist fast beseitigt aus dieser Operette, die \u00fcber alle Teile hinweg das ist, was sie sein will: eine gro\u00dfe Staatsklamotte, die in Teilen eine bekannte Realit\u00e4t \u00fcberholt, dabei aber immer im Geschwindigkeitswettkampf mit der Realit\u00e4t steht. Offenbach, der Meister des Tempos, ist das ideale Triebmittel f\u00fcr diese Form der Auseinandersetzung, die beste Volksoper und bestes Volkstheater ist: niederschwellig, flott \u2013 und eben auch derb. Wenn sich der Bauer als Million\u00e4r in anderen H\u00e4usern in teuren Sakkos tarnt, so kommen die Akteure der Staatsoperette hier zu sich. Eine \u201eFledermaus\u201c mit ganz vielen Fr\u00f6schen hat die APA zu Recht in dieser Auff\u00fchrung gesehen. Und wenn man einen Don Pedro als Hofbauer hat, dann setzt man ihn genau so ein, dass er jede Arie nach dem Fleischlaberl ins Couplet \u00fcberf\u00fchrt \u2013 \u201ehaaaa-looo!\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ORF Radio-Symphonieorchester unter Jordan De Souza agiert mit gro\u00dfer musikantischer Freude und der Lust am Ausritt, wenn die Abweichungen von der Vorlage bis hin zu \u201eCareless Whispers\u201c gehen. Manchmal, so wei\u00df auch die Regie, liegen die Pointen auf der Stra\u00dfe \u2013 und man darf sie wohl aufheben. Grandios in dieser Anforderung: Der Arnold Sch\u00f6nberg Chor, der s\u00e4ngerisch, t\u00e4nzerisch und kom\u00f6diantisch das Tempo dieser Inszenierung pr\u00e4gt. \u201eSo sind wir nicht\u201c, singt man am Ende \u2013 und wei\u00df in der Stadt an der sch\u00f6nen blauen Donau, dass wohl eher das Gegenteil stimmt.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gerald Heidegger, ORF Topos<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sendungshinweis: ZIB 1, 14.01.2023<\/p>\n\n\n\n<h2>Links:<\/h2>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"https:\/\/www.theater-wien.at\/de\/home\">Theater an der Wien<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/rso.orf.at\/\">RSO<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/ArnoldSchoenbergChor\/\">Arnold Sch\u00f6nberg Chor<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.nikolaushabjan.com\/\">Nikolaus Habjan<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>v1.0.4-production (14. March 2023, 10:02:17)<\/p>\n\n\n\n<p>QELLE : ORF.AT TOPOS <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Staatsoperette mit Beinschab-Tool Eine Staatsoperette mit Beinschab-Tool teilenKritikKulturB\u00fchne 17. Januar 2023, 15:03 Uhr Wie w\u00e4re die Welt, wenn Wunschumfragen und Wunschfragestellungen der Politik in einer Gesellschaft Wirklichkeit w\u00fcrden? Es k\u00f6nnte genau so aussehen wie im 19. Jahrhundert \u2013 oder im \u00d6sterreich der sp\u00e4ten 2010er Jahre. 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