{"id":1039,"date":"2023-03-31T16:43:58","date_gmt":"2023-03-31T15:43:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1039"},"modified":"2023-03-31T16:43:58","modified_gmt":"2023-03-31T15:43:58","slug":"kiki-kogelnik-schau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1039","title":{"rendered":"Kiki-Kogelnik-Schau"},"content":{"rendered":"\n<h1>Die Frau, die ihrer Zeit voraus war<\/h1>\n\n\n\n<p>Die Frau, die ihrer Zeit voraus war teilen<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\">Kultur<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\/Kunst\">Kunst<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\/Kunst\/Bildende+Kunst\">Bildende Kunst<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>02. Februar 2023, 10:14 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p>Kommerz, Kitsch, Kunst \u2013 und dazwischen zwei weitere K: Kiki Kogelnik. Wenige K\u00fcnstlerinnen aus \u00d6sterreich wie auch aus Europa und Amerika wussten die Zeit mit ihren Widerspr\u00fcchen so der Zeit voraus auf den Punkt zu bringen wie die in Graz geborene und in Bleiburg aufgewachsene Sigrid \u201eKiki\u201c Kogelnik. Wenn sie nun im Wiener Kunstforum eine Retrospektive bekommt, dann darf man darin sehr viel Zeitgeschichte des Umbruchs lesen \u2013 schon das Golden Age des Wiederaufbaus stellte Kogelnik ebenso auf den Kopf wie die Konsumgesellschaft und die Debatten der Gegenwart.<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?authors=Gerald+Heidegger\">Gerald Heidegger<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dass Kunst f\u00fcr ihre nachhaltige Wirksamkeit eine bestimmte Form von Zeitgenossenschaft verlangt, klingt wie ein abgedroschenes Klischee, ist aber im Fall von Kogelnik tats\u00e4chlich die Beschreibung einer Frau, die alle Chancen ergreift, die sich ihr in ihrer Zeit und der Beschr\u00e4nktheit der Welt im \u00d6sterreich nach 1945 bieten. Wenige Menschen im \u00d6sterreich des Wiederaufbaus haben die Potenziale von pers\u00f6nlichen Kontakten f\u00fcr die Internationalisierung des eigenen Blicks und der eigenen Haltung so genutzt wie die 1935 in Graz geborene Kogelnik.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eGalerie n\u00e4chst St. Stephan\u201c des Monsignore Otto Mauer ist ebenso ein Platz der Gelegenheit wie alle Kontakte und alle Versuche, m\u00f6glichst schnell in die Welt hinaus zu kommen \u2013 und das, was man in der Welt erlebt, in einer Sprache der Kunst eine Drehung weiter zu denken. Von Wien nach Paris und \u00fcber den Kontakt zu Sam Francis rasch nach New York. Niemand war so schnell im Kopf und in der Umsetzung wie die sch\u00f6ne und selbstbewusste Kiki Kogelnik, die den Spitznamen, den ihr einer ihrer Br\u00fcder gegeben hat, zu einer unverkennbaren Trademark gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Die 1960er Jahre sind interessanterweise eine \u00fcbersehene Zeit beim Blick auf das Gesamtwerk Kogelniks.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bereits in den 1960er Jahren kannte Kogelnik sowohl die West- als auch die Ostk\u00fcste der Vereinigten Staaten \u2013 und hatte als selbstbewusste, gestaltende Frau die guten Kontakte in die Szene der Zeit, und das war die gr\u00f6\u00dfer werdende Pop Art. \u201eDie 60er Jahre sind eigentlich eine vergessene Zeit im Werden der Kiki Kogelnik\u201c, erz\u00e4hlt Kuratorin Lisa Ortner-Kreil bei einem Rundgang in der von ihr kuratierten Schau, die bewusst sehr die Werkphasen von Kogelnik ins Auge fasst \u2013 und dabei auch deutlich macht, warum diese Frau zwar als Vertreterin einer internationalisierten Pop Art aus \u00d6sterreich gelten k\u00f6nnte, aber sich allen Schubladisierungen entzieht. \u201eSie war immer ihrer Zeit voraus\u201c, erz\u00e4hlt Ortner-Kreil. Deswegen w\u00fcrde man Kogelniks Bilder, zum Beispiel ihr Werk \u201eDesire\u201c (1973), das auch in der Schau zu sehen ist, immer um zwei Jahrzehnte nach hinten datieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWhen you\u2019re growing up in a small town<br>Bad skin, bad eyes \u2013 gay and fatty<br>People look at you funny<br>When you\u2019re in a small town<br>My father worked in construction<br>It\u2019s not something for which I\u2019m suited<br>Oh \u2013 what is something for which you are suited?<br>Getting out of here.\u201c<br><br>John Cale, Lou Reed: \u201eSmall Town\u201c. Aus der Serie \u201eSongs for Drella\u201c \u00fcber Andy Warhol.<\/p>\n\n\n\n<h2>Weg mit dem Originalit\u00e4tsanspruch<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eKogelnik sah eine bunte Stadt, als sie in den 1960er Jahren nach New York kam\u201c, erz\u00e4hlt die Kuratorin, die diese Schau auch noch ins d\u00e4nische Odense und nach Z\u00fcrich bringen wird. Kogelnik habe ihre K\u00fcnstlerkontakte, etwa zu Claes Oldenburg, aber auch zu der Gruppe um Andy Warhol, gewieft genutzt. Stets hat sie aber einen eigenen Ausdruck gefunden. So nimmt sie Umrisse ihrer prominenten Wegbegleiter ab und h\u00e4ngt sie als Latexschablonen \u00fcber Kleiderb\u00fcgel oder W\u00e4scheleinen. Als Amerika auf dem Mond landet, begleitet Kogelnik dieses Liveereignis mit einer Serie von Siebdrucken: Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit misstraute sie.<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Kiki Kogelnik Foundation<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/cc034e26-9e2b-45d0-a583-ecb64decd144\/AAABhg0zQvc\/AAABhKSzRtc\/topos_bigpicture_3_2\/kikikogelnik108.jpeg\" alt=\"Gem\u00e4lde von Kiki Kogelnik zeigt farbenfrohe K\u00f6rperteile mit Punktenn und Herzen kombiniert\" width=\"1920\" height=\"1280\">\u201eSelf-Portrait\u201c, 1964, \u00d6l und Acryl auf Leinwand<\/li><li>Kiki Kogelnik Foundation<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/389f11a4-5371-432b-b53e-c949e9872879\/AAABhg0o8tQ\/AAABhKSzRtc\/topos_bigpicture_3_2\/kikikogelnik106.jpeg\" alt=\"Leinwand mit schematisch gezeichneten Menschenfiguren und einem Kopf aus dem bunte Farblinien flie\u00dfen\" width=\"1920\" height=\"1280\">\u201eRobots\u201c, 1966\u201367, Tinte und Buntstift auf Papier<\/li><li>Kiki Kogelnik Foundation<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/f1f02a96-ba8a-48a5-b508-ddb8d851ac17\/AAABhg00R2Y\/AAABhKSzRtc\/topos_bigpicture_3_2\/kikikogelnik102.jpeg\" alt=\"Kunstwerk von Kiki Kogelnik zeigt Silhoutte von H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen\" width=\"1920\" height=\"1280\">\u201eFallout\u201c, ca. 1964, \u00d6l, Acryl und Vinyl auf Leinwand<\/li><li>Kiki Kogelnik Foundation<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/93de28df-aaf5-4d47-a7c9-a77b47ce8c2d\/AAABhg01XII\/AAABhKSzRtc\/topos_bigpicture_3_2\/kikikogelnik104.jpeg\" alt=\"Kombination aus zwei Kiki Kogelnik Werken\" width=\"1920\" height=\"1280\">\u201eChandelier Hanging\u201c, ca. 1970, Acrylaufh\u00e4nger mit Vinyl und \u201eSuperserpent\u201c, 1974, \u00d6l und Acryl auf Leinwand<\/li><li>Kiki Kogelnik Foundation<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/f0a5fafa-ba25-423b-9a6b-25c49fb2a5f3\/AAABhg03A1I\/AAABhKSzRtc\/topos_bigpicture_3_2\/kikikogelnik110.jpeg\" alt=\"Zwei Gem\u00e4lde von Kiki Kogelnik\" width=\"1920\" height=\"1280\">\u201eI Lost My Chewing Gum, 1960\u201c und \u201eThe Painter, 1975\u201c<\/li><li>Kiki Kogelnik Foundation\/John Pratt<img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/1b1ed183-03f4-4dfa-a279-e1e6074ab25a\/AAABhg02dI0\/AAABhKSzRtc\/topos_bigpicture_3_2\/kikikogelnik112.jpeg\" alt=\"Archivaufnahme von Kiki Kogelnik in ihrem Studio \" width=\"1920\" height=\"1280\">Kiki Kogelnik arbeitet in ihrem Studio in New York, 1965<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die Serialisierung der Pop Art war eigentlich die Botschaft, die sie mit in ihre Kunst nahm. Im Prinzip sind die Grafiken von Kogelnik zu Recht ihr in der Breite gesch\u00e4tztes Ausdrucksmittel. Ihre Kunst ist Hinterfragung, gerade aller Zw\u00e4nge und aller Posten. Kommerz und Mode sind bei ihr die Tr\u00e4ger von Ikonografie. Die Frauen, die sie darstellt, verweisen auf sie und sind zugleich entpersonalisiert. Und auch immer entsexualisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fl\u00e4chige ihrer Kunst sei eines der entscheidenden Momente der Wiedererkennbarkeit von Kogelnik, erz\u00e4hlt Ortner-Kreil. \u00dcber viele Werkphasen hinaus. Wer freilich die Anf\u00e4nge ihrer Arbeiten sieht, darf eine aus der Farbwucht sch\u00f6pfende K\u00fcnstlerin erkennen, die auch aus den Arbeiten ihrer m\u00e4nnlichen Zeitgenossen heraussticht.<\/p>\n\n\n\n<h2>Abstraktion mit Botschaft an den Geliebten<\/h2>\n\n\n\n<p>Die fr\u00fche Liebe zu Sam Francis, sie ist sogar in einem Werk zu erkennen, das nur durch Farben zu brillieren scheint. Tats\u00e4chlich haben sich aber die Initialen des ersehnten Mannes miteingepr\u00e4gt. Wer sp\u00e4tere Arbeiten von Kogelnik in dieser Schau sieht, der entdeckt freilich auch die Entt\u00e4uschungen betrogener Liebe. Mitunter begegnen sich Kogelnik und Maria Lassnig in der Art, wie K\u00f6rperteile zu skulpturhaften Torsi herausgel\u00f6st werden. Kogelnik h\u00e4ngt die weiblichen Geschlechtsorgane an ein Schaukelgestell. Die Entwertung der Sinne ist ihre Rache an der eigenen Betrogenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWhen you are growing up in a small town\u201c, singt Lou Reed im Song \u201eSmall Town\u201c, den er gemeinsam mit John Cale produziert hat. Der Song beschreibt den weiten Weg, den Warhol von Pittsburg nach New York genommen hat. Tats\u00e4chlich spielt die Nummer aber auf den noch weiteren Weg der ruthenischen Vorfahren aus der Kleinstadt in Osteuropa in die USA an.<\/p>\n\n\n\n<p>Kogelnik wurde in ihrer Heimat in Bleiburg begraben. Hinterlassen hat sie aber eine kosmopolitische Biografie wie wenige K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler aus dem \u00d6sterreich des 20. Jahrhunderts. Entscheidend in dieser Biografie, wie in der vieler Pop-Art-K\u00fcnstler, ist aber die Selbstgestaltung dieses Weges: der Ausbruch aus der Herkunft und den Gestaltungskonventionen der eigenen Tradition. In diesem Sinn war Kogelnik, und das beleuchtet die Ausstellung bis in die sp\u00e4testen Phasen, vielleicht sogar die gr\u00f6\u00dfte Weltb\u00fcrgerin der Bildenden Kunst nach 1945.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gerald Heidegger (Text und Gestaltung), ORF Topos, Marcus Walter (Kamera), f\u00fcr ORF Topos, Kafeela Adegbite (Schnitt), f\u00fcr ORF Topos<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sendungshinweis: ZIB 1, 02.02.2023<\/p>\n\n\n\n<h2>Links:<\/h2>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"https:\/\/www.kunstforumwien.at\/\">Bank Austria Kunstforum<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.kikikogelnikfoundation.site\/\">Kiki Kogelnik Foundation<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/oe1.orf.at\/artikel\/686841\/Positionen-in-der-Kunst-Kiki-Kogelnik\">\u00d61-Serie \u201ePositionen zur Kunst\u201c zu Kogelnik<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>v1.0.4-production (14. March 2023, 10:02:17)<\/p>\n\n\n\n<p>QELLE : ORF.AT TOPOS<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frau, die ihrer Zeit voraus war Die Frau, die ihrer Zeit voraus war teilenKulturKunstBildende Kunst 02. Februar 2023, 10:14 Uhr Kommerz, Kitsch, Kunst \u2013 und dazwischen zwei weitere K: Kiki Kogelnik. 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