{"id":1037,"date":"2023-03-31T16:41:41","date_gmt":"2023-03-31T15:41:41","guid":{"rendered":"http:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1037"},"modified":"2023-03-31T16:41:41","modified_gmt":"2023-03-31T15:41:41","slug":"despentes-liebes-arschloch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wienernachrichten.at\/?p=1037","title":{"rendered":"Despentes\u2019 \u201eLiebes Arschloch\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h1>Koks, \u201e#MeToo\u201c und Insta<\/h1>\n\n\n\n<p>Koks, \u201e#MeToo\u201c und Insta teilen<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kritik\">Kritik<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\">Kultur<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Kultur\/Literatur\">Literatur<\/a><a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?tags=Gesellschaft\/Feminismus\">Feminismus<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>12. Februar 2023, 06:00 Uhr<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ihrer Vernon-Subutex-Trilogie ist die ehemals als Skandalautorin bekannte Virginie Despentes beim franz\u00f6sischen Publikum zum Star aufgestiegen. Mit \u201eLiebes Arschloch\u201c hat sie einen psychologisch vielschichtigen modernen Briefroman \u00fcber \u201e#MeToo\u201c vorgelegt, in dem ihre Figuren Rollenbilder und Generationenfragen aushandeln. Wie Drogen und Alkohol die zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflussen, hat sie besonders interessiert, wie sie im Interview sagt (siehe Videoclip oben).<a href=\"https:\/\/topos.orf.at\/filter?authors=Florian+Baranyi\">Florian Baranyi<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Noch vor zwanzig Jahren war Despentes der fleischgewordene franz\u00f6sische Klassenkampf. Im kleinb\u00fcrgerlichen Milieu in Lyon weit von einer beh\u00fcteten Kindheit aufgewachsen, deb\u00fctierte sie 1993 mit \u201eBaise-moi\u201c (zun\u00e4chst in \u00dcbersetzung 2000 als \u201eW\u00f6lfe fangen\u201c und sp\u00e4ter mit dem w\u00f6rtlichen Titel \u201eFick mich!\u201c erschienen). Darin beginnen die beiden vergewaltigten jungen Frauen Manu und Nadine einen Rachefeldzug gegen M\u00e4nner und ziehen mordend durch Frankreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4testens als Despentes ihren Roman zusammen mit der ehemaligen Pornodarstellerin Coralie Trinh Thi verfilmte und in Interviews von ihrer Vergangenheit als Prostituierte berichtete, war ihr Ruf als B\u00fcrgerschreck gefestigt. Sie garantierte f\u00fcr Direktheit und Brutalit\u00e4t, aber erst nach und nach wurde klar, wie gekonnt sie diese Energie in ihre Werke umsetzte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img src=\"https:\/\/soph-assets.orf.at\/sis\/image\/253af12e-3025-41da-a413-2d6d6b43ad13\/AAABhkJO6F0\/AAABhKSzRtc\/topos_bigpicture_3_2\/despentes-liebes-arschloch100.jpeg\" alt=\"Farbfotografie von Virginie Despentes vor grauem Hintergrund, mit einer Zigarette im Mund und schwarzem Tanktop mit \u201eMot\u00f6rhead\u201c-Aufschrift\" title=\"Im Zweifel f\u00fcr die Au\u00dfenseiterperspektive: Virginie Despentes\"\/><figcaption>Im Zweifel f\u00fcr die Au\u00dfenseiterperspektive: Virginie Despentes<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2>Moderner Briefroman auf Instagram<\/h2>\n\n\n\n<p><br>In ihrem feministischen Essayband \u201eKing-Kong-Theorie\u201c erz\u00e4hlte sie davon, selbst vergewaltigt worden zu sein \u2013 und schloss daran eine differenzierte Analyse m\u00e4nnlicher Identit\u00e4tskonzepte an, die sich \u00fcber Abwertung von Weiblichkeit definieren. Diese Essays schwingen in \u201eLiebes Arschloch\u201c genauso mit wie Despentes Besch\u00e4ftigung mit Drogen und Subkulturen, die sie in ihrer enorm erfolgreichen Trilogie rund um den ehemaligen Punkmusiker und \u2013 als Plattenh\u00e4ndler \u2013 Verlierer der Digitalisierung, Vernon Subutex, zelebrierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der gefeierte Autor Oscar Jayack setzt auf Instagram einen beleidigenden Kommentar \u00fcber die Schauspielerin Rebecca Latt\u00e9 ab, wobei die Formulierung, sie sei die \u201etragische Metapher einer Epoche, die den Bach runtergeht\u201c noch den nettesten Teil darstellt. Prompt antwortet ihm Latt\u00e9 mit der titelgebenden Anrede \u201eLiebes Arschloch\u201c. Was da anfangs allein schon wegen des Tons und der L\u00e4nge der gegenseitigen Nachrichten etwas unplausibel scheint, entwickelt sich rasch zu einem modernen Briefroman, in dem sich Oscar und Rebecca immer mehr einander ann\u00e4hern.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn diese unwahrscheinlichen neuen besten Freunde teilen viel: Substanzenabh\u00e4ngigkeit \u2013 Alkohol, Kokain und Marihuana bei Oscar, Heroin und Crack bei Rebecca \u2013, die gemeinsame Herkunft aus der unteren Mittelschicht und einen biografischen Bezugspunkt, war doch Rebecca in ihrer Jugend eine Freundin von Oscars Schwester, mit der er eine angespannte Beziehung f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<h2>Feminismus als japanisches Kampfschwert<\/h2>\n\n\n\n<p>Als die ehemalige Pressereferentin und inzwischen reichweitenstarke feministische Bloggerin Zo\u00e9 Katana in der beginnenden \u201e#MeToo\u201c-Bewegung Oscar vorwirft, sie systematisch betrunken bedr\u00e4ngt zu haben und der Grund zu sein, warum sie ihren Job in einem Pariser Gro\u00dfverlag verloren hat, ist es Rebecca, die Oscar als um keine Direktheit verlegene Sparringpartnerin beibringt, dass er keineswegs das Unschuldslamm ist, als das er sich in Selbstmitleid zerflie\u00dfend imaginiert. Dabei ist sie h\u00f6chst reflektiert und witzig, moralisiert nicht und bleibt genauso auf Distanz zu ihm wie auch zu Zo\u00e9s \u2013 deren Nachname nicht zuf\u00e4llig auch der Name eines japanischen Langschwerts ist \u2013 zugespitzten theoretischen Positionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Despentes hier in einem von Blogeintr\u00e4gen durchbrochenen Dialog komplexe Gesellschaftsanalyse vermittelt, zeigt ihr gro\u00dfes literarisches K\u00f6nnen. Vom Soziologen Erving Goffmann stammt die These, dass wir alle Theater spielen \u2013 soll hei\u00dfen, dass man in diversen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen zugedachte Rollen annimmt und oft besser mitspielt, als es einem bewusst ist. Rebecca ist eine Spezialistin im Benennen der Masken des Patriarchats: Dass M\u00e4nner an der Verk\u00f6rperung der Rolle von M\u00e4nnlichkeit zugrunde gehen k\u00f6nnen \u2013 wie eben Oscar \u2013 und einzelne Frauen wie sie selbst wunderbar davon profitieren k\u00f6nnen, die Komplizinnen einer M\u00e4nnlichkeitsvorstellung zu sein, die Frauen systematisch abwertet, wei\u00df sie in einem Ton auf den Punkt zu bringen, der nach Punkrock klingt und nicht nach philosophischem Proseminar.<\/p>\n\n\n\n<p>Despentes ist es gelungen, aus einem hei\u00df umk\u00e4mpften gesellschaftlichen Thema einen Roman zu machen, der sich nicht in einer These ersch\u00f6pft \u2013 sondern die Frage ausbuchstabiert, wie man sich trotz der komplizierten \u00dcberlagerung von Schuld, Opfer, pers\u00f6nlichem Leidensdruck und auf sozialen Netzwerken sich verselbstst\u00e4ndigender \u00f6ffentlicher Meinung einander ann\u00e4hern und miteinander auskommen kann. Dass sich Oscar und Rebecca entwickeln d\u00fcrfen \u2013 Entzug und emotionale Aufarbeitung der eigenen Unzul\u00e4nglichkeiten inklusive \u2013 und die Pandemie- und Lockdown-Zeiten der vergangenen Jahre produktiv befragt werden, ist \u201eLiebes Arschloch\u201c hoch anzurechnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Florian Baranyi (Gestaltung und Text), ORF Topos, Laura Russo (Schnitt), f\u00fcr ORF Topos<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sendungshinweis: ZIB 13.00, 8.02.2023<\/p>\n\n\n\n<h2>Links:<\/h2>\n\n\n\n<ul><li><a href=\"https:\/\/www.kiwi-verlag.de\/buch\/virginie-despentes-liebes-arschloch-9783462004991\">\u201eLiebes Arschloch\u201c (Kiepenheuer und Witsch)<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.book2look.com\/book\/9783462004991\">Leseprobe<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>v1.0.4-production (14. March 2023, 10:02:17)<\/p>\n\n\n\n<p>QELLE : ORF.AT TOPOS <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Koks, \u201e#MeToo\u201c und Insta Koks, \u201e#MeToo\u201c und Insta teilenKritikKulturLiteraturFeminismus 12. Februar 2023, 06:00 Uhr Mit ihrer Vernon-Subutex-Trilogie ist die ehemals als Skandalautorin bekannte Virginie Despentes beim franz\u00f6sischen Publikum zum Star aufgestiegen. 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